Krankheitsbewältigung

Tanz auf dem Vulkan

Wir leben mit dem Plasmozytom
Manche noch frisch geschockt durch die Diagnose
Andere in relativer Sicherheit nach erfolgreicher Therapie
Wieder andere sehr erfahren im Auf und Ab der Erkrankung
Oft aber besser, als wir befürchtet haben

Wir bleiben in jedem Fall herausgefordert
Die mögliche Bedrohung lässt sich nicht völlig auflösen
Doch waches Hoffen
Ist nicht verboten

Wir leben wie auf einem Vulkan
Er kann lange Ruhe geben
Er kann grummeln
Er kann rauchen
Es gibt kleine und große Ausbrüche
Ohne Spuren geht es nicht ab

Wir können uns von der Gefahr bannen lassen
Vor lauter Angst das Genießen der bleibenden Möglichkeiten verpassen
Wir können aber auch lernen zu tanzen
Das Leben auszukosten
Es als Kostbarkeit zu sehen

Tanz kann heißen zu lieben
Tanz kann heißen zu lachen
Tanz kann heißen Neues auszuprobieren
Tanz kann heißen, sich selbst gesetzte Grenzen zu überwinden
Tanz kann heißen das Leben als Geschenk zu nehmen

Tanzen kann man allein, zu zweit aber auch mit vielen gemeinsam
Selbsthilfe ist eine Art Tanz als Gruppe

Wir halten der Bedrohung stand
Wir achten auf die Seismografen
Wir richten uns auf die besonderen Bedingungen dieses Lebens ein
Wir bieten anderen die Hand
Lasst uns ein Tänzchen wagen


Johanna Schick-Stankewitz
2003




KRANKHEIT

Krankheit
Du überschattest das Leben

Krankheit
Du reißt uns heraus

Krankheit
Du stellst alles in Frage

Krankheit
Du schärfst unseren Blick

Krankheit
Du machst das Wichtige wesentlich

Krankheit
Du erschütterst den Kern

Krankheit Du lässt uns verzweifeln

Aber das Hoffen lehrst Du uns auch


J. Schick – Stankewitz
1996




Krankheitsverarbeitung und Bewältigung beim Multiplem Myelom


Dr. Monika Keller – Heidelberg


Generell hat die Bewältigung einer schweren chronischen Erkrankung zum Ziel, seelisches Wohlbefinden zu fördern und die Beziehungen zu nahen Menschen aufrecht zu erhalten.
Der unvermeidliche Schock nach der Diagnosenstellung äußert sich häufig als Erstarrung oder Lähmung von Gefühlen; sie werden manchmal wie ein Gefühl des Unwirklichen, des Betäubtseins beschrieben, manchmal hofft man, irgendwann aus einem bösen Traum aufzuwachen.
In dieser Anfangszeit sind die meisten Menschen kaum in der Lage, aktiv zu werden, sie brauchen erst einmal Zeit, sich schrittweise mit dieser neuen Wirklichkeit auseinanderzusetzen...

Nach wenigen Tagen oder Wochen kommt oft das Bedürfnis, selber aktiv zu werden: z. B. nach Informationen über die Erkrankung und verschiedene Möglichkeiten der Behandlung zu suchen. Hierbei können Familienangehörige und Freunde wichtige Hilfen bieten, die man auch in Anspruch nehmen sollte. Genauso wichtig ist es, von den Erfahrungen anderer Patienten mit Multiplem Myelom zu profitieren; damit beginnt man, eine Vorstellung zu entwickeln, wie man mit dieser Erkrankung leben kann, ohne sich von ihr beherrschen zu lassen.

Dass es zwischendurch zu Stimmungstiefs, Durchhängern, Zeiten vermehrter Angst, manchmal Niedergeschlagenheit kommt, hat nichts mit Schwäche zu tun, sondern ist Ausdruck, dass man, oft ohne es bewusst zu spüren, seelische Schwerstarbeit leistet. Die meisten Patienten machen die Erfahrung, dass sie nach einiger Zeit aus eigener Kraft, unterstützt durch wichtige Bezugspersonen, aus solch einem Tief herauskommen und Mut und neue Zuversicht entwickeln.

Während anstrengender, oft langwieriger Behandlungen, etwas Hochdosis-Chemotherapie, ist es wichtig, dass man seine Energien einteilt, sich kurzfristige Ziele setzt und alle unterstützenden Möglichkeiten (z. B. Entspannung) in Anspruch nimmt, mit denen Nebenwirkungen und behandlungsbedingte Belastungen besser toleriert werden. Besonders nützlich können hierbei Erfahrungen anderer Patienten sein.

Die Wege, wie Menschen mit persönlichen Krisen umgehen, sind ganz unterschiedlich, ein „richtig" oder „falsch“ kann es nicht geben.
„Positiv denken“ ist für manche ein Erfolgsrezept, aber nicht jedermanns Sache. Manche Patienten wollen sich möglichst umfassend über alle medizinischen Aspekte der Krankheit und Behandlung informieren, auch zu „unkonventionellen“, ergänzenden Behandlungsmethoden. Das hilft ihnen, die Erkrankung „in den Griff“ zu kriegen.

Viele erleben es als hilfreich, wenn sie sich über ihre Gedanken und Gefühle mit nahen Menschen austauschen; Angst z. B. lässt sich zwar nicht teilen, aber sie lässt sich mitteilen. Anhaltende Niedergeschlagenheit, das Gefühl von Leere und Sinnlosigkeit, Schlafstörungen, Antriebsarmut und Rückzug von nahen Bezugspersonen können, wenn sie länger anhalten, ausgesprochen quälend sein. Es handelt sich dabei nicht um unvermeidliche Begleiterscheinungen einer schweren Erkrankung, die man mit eigener Willenskraft überwinden kann, sondern um schwerwiegende seelische Komplikationen (etwa Depression), die erfolgreich von professionellen Psychotherapeuten behandelt werden können (und oft auch müssen). Besonders unter einer Interferon-Behandlung sind sie häufig und sollten dem behandelnden Arzt in jedem Fall mitgeteilt werden.

Partner und Familie sind nicht weniger durch die Erkrankung belastet als Patienten; gemeinsame Gespräche können die Belastung verringern und neue Möglichkeiten erkennbar werden lassen, wie krankheitsbedingte Belastungen zusammen getragen werden können.


aus:
Skript Patienten- und Angehörigenseminar
Multiples Myelom/Plasmozytom
Heidelberg 2003

 
       
     
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